Schwarz und Weiß. Gut oder Böse?

von Joachim Böker

Jona
… eine altbekannten Geschichte.

Die handelt von einem kleinen Propheten, der woher kommt? Aus Israel. Ein Israelit. Und er bekommt von Gott den Auftrag der großen Stadt Ninive eine Nachricht zu übermitteln. Und Ninive ist die Hauptstadt von… richtig: Assyrien*!!!

Wie? Ich soll mitten ins Zentrum dieser Bestie? Mitten zu den Ungläubigen? Zu unseren ärgsten Feinden, die uns dauerhaft das Leben zu Hölle machen?
Ich bin sicher, Jona ist nicht der einzige, der sich ein Schiff nehmen würde in die entgegengesetzte Richtung.

Oft wird die Geschichte bei uns heute so erzählt: Wenn du nicht tust, was Gott dir sagt, wirst du schon sehen. Dann kommen der Sturm und der Fisch und so weiter…

Wie haben aber die ersten Hörer auf diese Geschichte reagiert, dass Jona nicht nach Assyrien will. Ich meine sie alle hassten die Assyrer. Nach Ninive geht man nicht. Natürlich nicht! Vielleicht haben sie Jona nach dem ersten Kapitel bejubelt. Sicher hatte er ihr absolutes Verständnis.

Die Story in kurz:
Also er flieht, es kommt der Sturm, er wird über Bord geschmissen, geht zähneknirschend nach Ninive, richtet aus, was er ausrichten von Gott her sagen soll. Die Leute hören darauf, tun Buße. Gott ist ihnen gnädig und Jona ist zu Tode betrübt. Soweit die Story.

Unterscheiden leicht gemacht?
Man sollte meinen, eine Geschichte in der Bibel, die von Israeliten und Assyrern handelt, könnte man recht gut unterscheiden, zwischen Gut und Böse. Richtig und falsch, fromm und gottlos, erwählt und verloren.

Aber in dieser Geschichte ist manches verschoben.
Der fromme Prophet Israels ist es, der vor Gott wegläuft. Und auf dem Schiff ist er der einzige der schläft, während die gottlosen Heiden allesamt was tun? Beten! Und sie fordern ihn auf auch zu beten! Die Gottlosen evangelisieren quasi den Frommen.
Und dann als Jona schlussendlich doch nach Ninive kommt, stellt sich heraus, dass dieses brutale, mörderische Pack, diese Erzfeinde Israels offene Ohren und Herzen für das Reden Gottes haben. Sie bekennen ihre Sünden und bitten um Gnade.
In dieser Geschichte gibt es keine klaren Kategorien. Der Mann Gottes aus Israel ist starrsinnig, unverständig, bitter, träge und die meiste Zeit schlecht gelaunt. Während die vermeintlich grundverdorbenen Heiden offene Ohren und ein bußfertiges Herz haben und die Botschaft Gottes annehmen. Gott wendet sich ihnen gnädig zu und Jona ist darüber so stinksauer, dass er am liebsten sterben will, als mit ansehen zu müssen, dass Gott mit ihnen gnädig ist.

Provokante Pointe!
Die Geschichte ist so provokant, weil sie unmissverständlich darstellt, dass dein vermeintlich gottloser Feind aufgeschlossener ist für die Liebe und Gnade Gottes als du selbst.
Es geht hier nicht mehr so einfach auf, die Welt in gute und schlechte, fromme und Heiden, Gerechte und Sünder einzuteilen. Diese Geschichte will unsere Vorurteile zertrümmern, indem sie erklärt, dass Gott auf Seiten von denen ist, von denen wir ganz genau wissen, dass Gott nicht auf ihrer Seite sein kann!
Fromme Menschen sind gut darin zu unterscheiden in „wir“ und „die da draußen“. Aber in dieser Geschichte ist derjenige, der zu den „wir“ gehört, zu denen „drinnen“, völlig genervt darüber zu sehen, wie „dicke“ Gott mit denen geworden ist, der er für „draußen“ gehalten hat.

Wir könnten noch unzählige weitere Beispiele erwähnen.
Samariter waren draußen. Also könnten wir reden über den barmherzigen Samariter, wo Jesus diesen verhassten Samariter zum Vorbild nimmt, bei der Frage nach dem ewigen Leben deutlich näher dran zu sein scheint als die frommen Israels.
Zöllner waren draußen. Also könnten wir reden vom frommen Mann und dem sündigen Zöllner im Tempel. Wo Jesus sagt, dass der sündige Zöllner, Erbarmen bekommt – der andere nicht.
Römer waren draußen. Also könnten wir reden römischen Hauptmann von Kapernaum, wo Jesus so begeistert ist von seinem Glauben. Und wieder sagt er: die die meinen drinnen zu sein, werden draußen sein, und die draußen zu sein scheinen, werden drinnen sein.

Jesus ist ein Skandal
Seine Nähe zu denen da draußen, seine Aufsprengen von drinnen und draußen, sein missverständliche tiefe, barmherzige Gemeinschaft mit Sündern machte Jesus zu einem Skandal. Er macht sich die Finger mit Sündern schmutzig.
Das führt dazu, dass sogar Johannes der Täufer, der schon im Mutterleib, als Embryo von Jesus als dem Gesandten Gottes überzeugt war, Zweifel bekommt. Er sollte doch die Spreu vom Weizen trennen. Und was macht er? Er macht alles schwammig. Bist du es wirklich auf den wir warten? Und Jesus sagt: Selig, ist der, der sich nicht an mir ärgert. Der keinen Anstoß an mir nimmt. War das milde Verhalten, gegenüber den moralisch geächteten für Johannes ein Skandal, ein Anstoß?

Prinzip: Nicht mein Volk – mein Volk
Die Ausgeschlossenen sind die Willkommenen bei Gott. Das lebt Jesus. Und das ist ein tief verankertes Prinzip, das schon im Alten Testament verankert ist. Paulus bezieht sich deshalb ganz grundlegend auf das Hosea 2,25, wenn er in Röm 9,25f sagt:
Die nicht mein Volk waren, will ich jetzt mein Volk nennen. Und ich will lieben, die ich zuvor nicht geliebt habe. Früher wurde ihnen gesagt: `Ihr seid nicht mein Volk. Doch jetzt sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.´

Biblisches Weltbild = Dualistisches Weltbild?
Wie ist das jetzt: Gibt es ein dualistisches Weltbild von gerettet und verloren, von teuflisch und göttlich. Von drinnen und draußen in der Bibel und bei Jesus.
Ja.
Jesus sagt in Joh 3: Alle, die an den Sohn Gottes glauben, haben das ewige Leben. Doch die, die dem Sohn nicht gehorchen, werden das ewige Leben nie erfahren, sondern der Zorn Gottes liegt weiterhin auf ihnen.«
Er sagt sehr klar abgrenzend: „Wer mich nicht unterstützt, ist gegen mich, und wer nicht Seite an Seite mit mir arbeitet, arbeitet im Grunde gegen mich.“ (Mt 12,30).

Auf der anderen Seite
sagt er aber sehr offen für alles, sehr einnehmend: Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. (Mk 9,40)
Und er sprengt unsere Vorstellung von drinnen und draußen, gerettet und verloren in der Praxis ständig auf.

Es ist also kompliziert.

Was heißt das für mich?
Ich weiß um Verlorenheit und Rettung. Ich weiß darum, dass jeder Mensch, der nicht zu Jesus Ja sagt in Verlorenheit enden wird. Und ich bin überzeugt, dass jeder, der zu Jesus Ja sagt, sein Leben in Hingabe an ihn erneuern will und es erneuert wird. Denn Glaube ohne Werke ist tot. Hier bin ich sehr klar. Schwarz-weiß. Weil ich das aus der Bibel gelernt habe.
Und v.a. wenn es um mich selbst geht, bin ich ganz schön schwarz-weiß. Ich weiß dass ich verloren wäre. Aber Jesus hat mich zu sich gezogen. Er allein ist meine Rettung. Jetzt weiß ich ohne Zweifel, ohne abwägen: Ich gehöre zu den geretteten. Auch hier bin ich schwarz-weiß. Ich war schwarz – jetzt bin ich weiß.

Praxis der Begegnung mit einzelnen Menschen: Und gleichzeitig gibt es keinen Menschen, den ich ebenso schwarz-weiß behandeln kann wie mich selbst. Ich bin nicht dazu berufen drinnen und draußen einzuteilen. Ich begegne Menschen, als von Gott geliebte Menschen, für die Jesus den Preis ihrer Erlösung gezahlt hat und mit denen er einen Weg geht.
Ich hab keinen Stempel, den ich vergeben kann: Draußen. Verloren. Finsternis. Oder Drinnen. Gerettet. Licht. Keiner von uns hat den!!!

Klarheit für mich. Offenheit und Liebe für andere.
Mich kann ich einordnen. Andere nicht.

 

Joachim Böker 2. Dezember 2018 (Ausschnitt aus der Message vom Gottesdienst am 2.12.21018)

 

*Background:
Die Assyrer
Dazu muss ich aber ein bisschen Hintergrundwissen einfließen lassen.
– Pul, der König von Assyrien, fiel ins Land ein. (2Kö 15,19)
– Während seiner Herrschaft griff König Tiglat-Pileser von Assyrien Israel an und eroberte Galiläa und ganz Naftali nahm er ein und verschleppte ihre Einwohner als Gefangene nach Assyrien. (2Kö 15,29)
– Dann marschierte der König Salmanassar von Assyrien in ganz Israel ein und belagerte Samaria. Die Belagerung dauerte drei Jahre. (2Kö 17,5)

Ins Land einfallen.
Verschleppen.
Belagern.

Einfallen – das ist das, was geschieht, wenn man mit einer übermächtigen Armee in ein anderes Land einmarschiert und dort gewaltsam die Macht übernimmt.
Verschleppen – das ist das, was passiert, wenn man dann die Bewohner des besiegten Landes von ihren Höfen, ihren Familien, ihrem Land und ihrer Arbeit wegreißt und in die Ferne führt.
Belagern – das ist das was passiert, wenn man eine Stadt mit seiner Armee umzingelt und damit die Stadt von Nahrung und Wasser abschneidet, so dass möglichst viele Menschen darin hungern und leiden und sterben und die Stadt schließlich entkräftet, entwürdigt und willenlos aufgibt.

Mit anderen Worten: Die Assyrer waren skrupellose, gewaltsame, brutale Unterdrücker. Die Assyrer machten den Israeliten das Leben zur Hölle. Und das Jahr um Jahr um Jahr.